Lahmheit beim Pferd erkennen

Lahmheit lässt sich bei Pferden mit ein paar einfachen Grundkenntnissen schnell erkennen. Dabei werden verschiedene Arten und Grade von Lahmheit unterschieden.

Lahmheit beim Pferd mit geschwollenem Bein © Silke Hamann

Lahmheiten gehören zu den mit Abstand häufigsten Pferdekrankheiten und können sehr unterschiedliche Ursachen haben. Verlauf und Heilung einer Lahmheit beim Pferd hängen maßgeblich davon ab, dass das Problem frühestmöglich erkannt und fachgerecht behandelt wird. Daher sollte bei dem Verdacht einer Lahmheit schnellstmöglich ein Tierarzt hinzugezogen werden. Denn je länger man wartet, umso größer ist die Gefahr, dass beispielsweise aus einem harmlosen Nageltritt ein Hufgeschwür mit schwerwiegenden Folgen wird. Daher sollte jeder Pferdebesitzer in der Lage sein, eine Lahmheit zu erkennen.

Was heißt eigentlich "lahm"?

Die Lahmheit beim Pferd ist definiert als ein gestörter Bewegungsablauf. Dies äußert sich meistens in der Entlastung des betroffenen Beines und einer veränderten Schrittlänge. In der Regel ist die Lahmheit eine Form der Schmerzäußerung. 

Lahmheit beim Pferd erkennen

Ein gesundes Pferd belastet alle vier Gliedmaßen gleichmäßig. Ist dies nicht der Fall, sollte unbedingt eine Lahmheitsuntersuchung durchgeführt werden. Um eine Lahmheit zu erkennen, wird das Pferd im Schritt und im Trab vorgeführt und dabei von einer zweiten erfahrenen Person beobachtet. Im Galopp kann eine Lahmheit aufgrund des Dreitaktes und der Schwebephase nicht erkannt werden. 

Der Tierarzt unterscheidet zwischen vier bis fünf Lahmheitsgraden. Geringgradige Lahmheiten sind oft nur im Trab zu erkennen. Eine höchstgradige Lahmheit liegt vor, wenn das Pferd das Bein gar nicht mehr belastet. 

Anzeichen für eine Lahmheit

Bei der Untersuchung eines Pferdes auf Lahmheit ist es wichtig, zu bedenken, dass das Pferd durch die Entlastung der betroffenen Gliedmaße immer auf das gesunde Bein "fällt". Fällt es also augenscheinlich auf das rechte Vorderbein, liegt ein Problem vorne links vor. 

Enge Wendungen, mit dem kranken Bein innen, sind für lahmende Pferde meistens besonders unangenehm, da hier eine Schonung erschwert wird. Man spricht vom sogenannten Wendeschmerz. 

Ein weiteres Anzeichen einer Lahmheit ist Kopfnicken. Ist ein Vorderbein betroffen, nickt das Pferd beim Belasten des gesunden Beines. Bei einer Lahmheit der Hinterhand tritt die Nickbewegung beim Auftreten mit dem kranken Bein auf, da das Pferd versucht, das Gewicht möglichst schnell nach vorne zu bringen. 

Oft ist ein gestörter Bewegungsablauf bereits am Rhythmus der Hufe zu hören oder der Reiter spürt, dass es sich anders anfühlt als sonst. Dann ist es ratsam, eine erfahrene Person zu bitten, das Pferd unter dem Reiter zu beobachten.

Das sogenannte Schildern, also die Entlastung eines Beines durch Aufsetzen der Hufspitze, ist bei entspannten oder dösenden Pferden normal und gibt keinen Grund zur Sorge.

Welche Arten von Lahmheit gibt es?

Man unterscheidet bei Pferden zwischen Hangbein- und Stützbeinlahmheit. Häufig liegt aber auch eine Kombination aus beiden vor, die dann als gemischte Lahmheit bezeichnet wird. Die Ursachen für eine gemischte Lahmheit können sehr unterschiedlich sein. Typisch sind Sehnenscheiden- und Gelenkserkrankungen.

Zusätzlich können bei Pferden die diagonale und die wechselnde Lahmheit beobachtet werden, bei denen mehrere Beine betroffen sind. 

Demnach bestehen folgende Arten von Lahmheit:

  • Hangbeinlahmheit
  • Stützbeinlahmheit
  • Gemischte Lahmheit aus Hangbein- und Stützbeinlahmheit
  • Diagonale Lahmheit
  • Wechselnde Lahmheit

Außerdem kann man unterscheiden zwischen Lahmheiten mit und ohne Schwellung. Eine Schwellung ist in der Regel Anzeichen einer Entzündung.

Hangbeinlahmheit – verkürzte Schrittlänge

Bei der Hangbeinlahmheit eines Pferdes ist die Vorwärtsbewegung des Pferdebeines beeinträchtigt. Die Schrittlänge des betroffenen Beines ist dadurch verkürzt. Besonders deutlich wird das Problem auf weichem Boden und in Wendungen. 

Die Ursache liegt meistens im oberen (proximalen) Teil der Gliedmaße, etwa in der Muskulatur oder den Nerven. Auch Probleme mit der Schulter, dem Knie oder dem Hüftgelenk können eine Hangbeinlahmheit auslösen.

Stützbeinlahmheit – sichtbar bei Belastung

Wie der Name schon andeutet, tritt das Lahmen bei der Stützbeinlahmheit in der Stützphase, also bei Belastung des Beines auf. Dies ist bei einem betroffenen Pferd besonders auf hartem Boden deutlicher zu sehen. 

Die Ursachen liegen hier eher im unteren (distalen) Bereich des Beines. Besonders häufig sind Hufe, Sehnen und Bänder des Pferdes betroffen. Es kann aber auch eine Verletzung am Knochen vorliegen.

Diagonale Lahmheit durch Schonen

Eine diagonale Lahmheit tritt besonders häufig bei Problemen an einem Hinterbein als sogenannte Ausgleichslahmheit auf. Beispielsweise lahmt das Pferd hinten rechts. Durch die Schonung des kranken Beines kommt es zur Überbelastung des diagonalen (kontralateralen) Vorderbeines, sodass auch vorne links eine Lahmheit sichtbar wird. 

Deshalb ist es auch besonders wichtig, den Verdacht einer Lahmheit ernst zu nehmen, Belastungen zu vermeiden und einen Tierarzt zu kontaktieren. Auch bei Rückenproblemen des Pferdes kann es zu einer diagonalen Lahmheit kommen.

Wechselnde Lahmheit 

Bei einer wechselnden Lahmheit "springt" diese sozusagen von einem Bein zum anderen. In einem solchen Fall sollte das Pferd unbedingt auf Borreliose untersucht werden. Diese durch Zecken übertragbare Krankheit kann Gelenks- und Nervenentzündungen auslösen, welche wiederum für die wechselnde Lahmheit ursächlich sein können. 

Andere Ursachen für wechselnde Lahmheiten können Hufrollenentzündungen oder Hufrehe sein. Knochenhautentzündungen kommen dagegen beim Pferd eher selten vor.

Plötzlich auftretende Lahmheit

Vorsicht ist geboten bei plötzlich auftretenden Lahmheiten. Hier muss unbedingt abgeklärt werden, ob ein Bänderriss, eine Fraktur (Bruch) oder eine Fissur (Haarriss im Knochen) vorliegen. Dies gilt besonders dann, wenn das Pferd kurz zuvor einen Unfall hatte, zum Beispiel auf der Weide ausgerutscht ist oder direkt nach einem Sprung über ein Hindernis lahmt.

Wann sollte ein Tierarzt aufgesucht werden?

Bei einem lahmenden Pferd sollte in der Regel immer der Tierarzt hinzugezogen werden, da eine Lahmheit vielerlei Ursachen haben kann und die Eingrenzung des betroffenen Abschnittes am Bein oft schwierig ist. Beispielsweise werden viele Probleme, die eigentlich von den Hufen ausgehen, fälschlicherweise vom Besitzer weiter oben eingeordnet, weil es so aussieht, als würde das Pferd aus der Schulter lahmen. 

Da die Prognose für den Heilungsverlauf bei einer Lahmheit umso besser ist, je früher behandelt wird, sollte der Pferdebesitzer im eigenen Interesse und natürlich seinem Pferd zuliebe nicht länger als nötig warten, einen Tierarzt zurate zu ziehen. 

In Einzelfällen, etwa wenn das Pferd sich eindeutig einen Fremdkörper in den Huf eingetreten hat, kann dieser auch vom Besitzer selbst entfernt werden. Da aber die Gefahr einer Entzündung besteht, sollte auch in einem solchen Fall unbedingt der Tierarzt kontaktiert werden. Bei Problemen mit den Hufen empfiehlt sich immer auch eine enge Zusammenarbeit mit einem guten Hufschmied.

Die Untersuchung beim Tierarzt

Eine Untersuchung eines lahmenden Pferdes in der Pferdeklinik oder auch beim Haustierarzt des Vertrauens verläuft meist problemorientiert und stützt sich auf den Vorbericht des Besitzers. Ein guter Tierarzt macht sich aber immer auch selbst ein Bild vom Zustand des Pferdes.

Dazu gehören die Ganganalyse und eine Untersuchung mit der Hufzange. Diese ist besonders wichtig, da Probleme mit den Hufen die häufigsten Ursachen für Lahmheiten beim Pferd sind.

Um herauszufinden, ob ein bestimmtes Gelenk die Lahmheit des Pferdes verursacht, werden Beugeproben (Provokationsproben) durchgeführt. Dabei wird, beginnend mit den Zehengelenken, jeweils ein Gelenk oder Gelenkkomplex eine Minute lang stark gebeugt gehalten und das Pferd anschließend sofort vorgetrabt. Schmerzen im betroffenen Gelenk werden dadurch verstärkt, was die Lahmheit kurzzeitig verschlimmert und so deren Ursache entlarvt. 

Eine weitere Möglichkeit zur Lokalisation der Ursache einer Lahmheit ist die diagnostische Leitungsanästhesie. Auch hier wird weit unten in der Fesselbeuge begonnen und sich dann nach oben hochgearbeitet. Abschnittsweise werden die Nerven des Pferdebeins betäubt und nach jedem Abschnitt wir das Pferd vorgeführt. Verschwindet die Lahmheit, weiß man, dass das Problem in dem zuletzt betäubten Bereich liegt.

Abtasten des Pferdebeins

Bei der Palpation, also dem Abtasten der Beine, wird auf Schwellungen, Wärme, Schmerzhaftigkeit und vermehrte Gelenksfüllung geachtet. Dies ist besonders wichtig, da Entzündungen gerade im Anfangsstadium oft auch ohne sichtbare Schwellung auftreten. Weiterhin können Muskelverspannungen, besonders am Rücken, gefühlt werden. 

Besonderes Augenmerk sollte auf die oberflächliche und tiefe Beugesehne gelegt werden, da Sehnenprobleme bei Pferden sehr häufig vorkommen. Die Sehnen lassen sich im Bereich zwischen dem Fesselgelenk und dem Vorderfußwurzelgelenk (Karpalgelenk) vorne, beziehungsweise dem Sprunggelenk (Tarsalgelenk) hinten, gut fühlen und voneinander abgrenzen. 

Bildgebende Verfahren 

Eine wichtige Rolle in der Lahmheitsdiagnostik spielen die bildgebenden Verfahren. Dazu gehören unter anderem Röntgen, Ultraschall und Computertomografie. So können vor allem Frakturen (Brüche) und Sehnenschäden festgestellt werden. 

Mit der Thermografie (Untersuchung mit einer Wärmebildkamera) lassen sich Entzündungen aufspüren. Eine weitere Möglichkeit ist die Szintigrafie. Dabei wird dem Pferd eine radioaktive Substanz gespritzt, die sich dann in Knochen anreichert, die sich vermehrt in Umbauprozessen befinden. So lassen sich Entzündungen schon sehr früh erkennen. Da die radioaktive Substanz aber nur langsam vom Körper abgebaut wird, ist hierzu ein Aufenthalt in der Pferdeklinik unerlässlich.

Aktualisiert: 09.11.2018 – Autor: Malin Held

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