Warum dicke Pferde kein Kavaliersdelikt sind

Folgen & Gesundheitsrisiken

“Der hat nur starke Knochen!”, “Der ist ein barocker Typ, das muss so sein.” oder “Naja, ein bisschen moppelig ist er schon, aber ich bin auch kein Magermodel und habe trotzdem keine Probleme.” – das alles sind Aussagen, die man häufig hört, wenn man Pferdebesitzer auf das Übergewicht ihrer lieben Vierbeiner anspricht. Und die zwar absolut nachvollziehbar, aber leider ebenso falsch sind. Die Gründe dafür erfahren Sie hier. 

 

 

Dicke Pferde sind nicht einfach ein “Schönheitsfehler”. Dicke Pferde sind oftmals schlecht gelaunt und haben ein hohes Gesundheitsrisiko, das leider den meisten Pferdemenschen gar nicht bewusst ist.

Aber warum ist das so? Warum verharmlosen so viele Pferdebesitzer den Futterzustand ihres Pferdes? Ein Teil dieser Antwort ist: weil dicke Pferde bereits zum Alltagsbild gehören. “Wohl genährt” ist dann der geschönte Begriff dazu, denn das klingt gleich viel gesünder als “fettleibig”. Eine der größten Koryphäen für Pferdefütterung im deutschsprachigen Raum, Constanze Röhm, schätzt den Anteil der übergewichtigen Pferde in Europa auf über 60%. Mehr als die Hälfte aller Pferde! Demnach trägt mindestens jedes zweite Pferd zu viel Speck mit sich herum. 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.

Ein anderer Grund für das häufige Negieren des pferdigen Übergewichts ist womöglich die mangelnde Urteilsfähigkeit der Besitzer. Viele Pferdebesitzer erkennen ein dickes Pferd schlichtweg nicht als dick. Oft wird das Körpergewicht erst dann diskutiert, wenn bereits ein physischer Schaden sichtbar wird und Tierärzte oder Hufpfleger Alarm schlagen. Dann ist das überflüssige Fettdepot aber meistens schon enorm (teilweise mit irreparablen Schäden) und deutlich schwerer wieder loszuwerden, als von vornherein auf einen angemessenen Futterzustand zu achten.

 

 

Wann ist ein Pferd eigentlich (zu) dick?

Ein Anhaltspunkt für das Idealgewicht des Pferdes ist...das Gewicht! Dieses zu ermitteln, ist aber nicht so einfach, gerade wenn das Pferd bereits fett ist. Eine Überprüfung mittels Waage zeigt schließlich nur den IST-Zustand an, aber nicht den SOLL-Zustand. Außerdem differenziert die Waage nicht zwischen Körperfett und Muskelmasse. Als Hilfsmittel kann der Körper-Maß-Index herangezogen werden (Body Condition Score). Dafür gibt es Berechnungsformeln, die jedoch sehr spezifisch für eine Rasse bzw. einen Körpertypus sind und daher nicht unbedingt allgemeine Gültigkeit besitzen.

Viel aussagekräftiger ist hingegen eine visuelle und haptische Beurteilung des Pferdes. Es gibt typische Körperregionen, in denen sich äußerlich sichtbare Fettdepots bilden und die auch als Laie einfach feststellbar sind. Im Wesentlichen sind das folgende Bereiche:

  • der Mähnenkamm (“Speckkamm”)
  • der Schweifansatz (Polster rund um die Schweifrübe)
  • am Widerrist
  • hinter der Schulter (besonders gut sichtbar in Bewegung oder Biegung)
  • im Lendenbereich (unförmige Wülste)
  • im Zwischenrippenbereich (die einzelnen Rippen sind nicht mehr einzeln ertastbar)
  • über den Augen (Fettschwämmchen sehen aufgeblasen aus)

Je nach Pferdetyp können nur eine oder mehrere Körperpartien betroffen sein, daher sollte stets das gesamte Pferd beurteilt werden.

Von einem dicken Pferd spricht man jedenfalls, wenn das Pferd 5-10% über seinem Normgewicht liegt. Wenn es mehr als 10% schwerer ist, ist es definitiv zu dick und man spricht bereits von Adipositas, also Fettleibigkeit. Beispiel gefällig? Bei einem 500kg schweren Pferd sind 13% Übergewicht bereits 65kg – das Pferd schleppt also permanent das zusätzliche Gewicht eines durchschnittlich schweren Reiters mit sich herum!

 

 

 

Mein Pferd ist dick – na und?!

Warum ist es aber eigentlich so problematisch, wenn ein Pferd übergewichtig ist? Dafür gibt es viele Gründe. Fettleibigkeit wirkt sich auf das gesamte Pferd aus, physisch wie psychisch.

 

Auswirkungen auf den Stütz- und Bewegungsapparat

Je mehr Gewicht das Pferd herum tragen muss, desto mehr beansprucht werden die Gelenke und Knochen unserer vierbeinigen Lieblinge. Gerade die Knochen und Knorpeln in den Gliedmaßen werden durch die statische Belastung des Übergewichts deutlich mehr beansprucht und werden vermehrt zusammen gepresst. Die Folge: schlechtere Durchblutung und frühe Verschleißerscheinungen, wie beispielsweise Arthrose.

Weiteres müssen die Sehnen und Bänder das erhöhte Gewicht in der Bewegung auffangen und werden damit vermehrt strapaziert. Besonders der Fesseltrageapparat ist hier zu nennen, da er das Körpergewicht bei jedem Schritt zu spüren bekommt und daher zusätzliche Kilos eine direkte Mehrbelastung für diese wichtige Struktur bedeuten.

Teilweise gibt es sogar Berichte von Therapeuten, wonach die Fettpolster sogar die Stellung der Pferde verändern. Beispielsweise wenn sich Fettansammlungen zwischen Oberarmknochen und Brustkorb verfestigen, so können diese die Ellbogen nach außen drücken und die Statik der Knochensäule dieser Gliedmaßen verändern. Das Resultat: das Pferd wird in eine zehenenge Stellung gebracht.

 

 

Auswirkungen auf den Stoffwechsel

Die Auswirkungen des pferdigen Übergewichts auf den Stoffwechsel des Pferdes ist eines der am meisten unterschätzten Faktoren. Dabei reicht die Palette der daraus resultierenden Probleme von “subtil” bis “gravierend”.

Die ersten Symptome werden von Pferdebesitzern häufig noch gar nicht als Probleme erkannt und wenn, dann werden sie selten auf die Fettleibigkeit des Pferdes zurückgeführt. Ein gutes Beispiel dafür ist Juckreiz an Mähne und Schweifrübe. Die Ursachen dafür können zwar vielfältig sein, aber nicht selten ist dies – gemeinsam mit den Fettansammlungen in diesen Regionen – ein erstes Anzeichen für eine Insulinresistenz. Diese wiederum entsteht aus zu großen Mengen an Zucker, die das Pferd nicht verwerten kann. Daher geht die Insulinresistenz häufig einher mit Übergewicht, da schlichtweg mehr Zucker zugeführt wird als das Pferd über Bewegung verbraucht. Wird die Ursache nicht abgestellt, kann sich daraus dann leicht Hufrehe bzw. EMS entwickeln und zu Cushing führen.

Oftmals ist bei adipösen Pferden außerdem die Leber in Mitleidenschaft gezogen. Die Leber ist an vielen Stoffwechselvorgängen beteiligt (z.B. am Fettstoffwechsel, Kohlenhydratstoffwechsel und der Regulierung des Blutzuckerspiegels) und ein äußerst wichtiges Entgiftungsorgan. Wird das Pferd massiv überfüttert, so muss die Leber vermehrt arbeiten und kann ihre Aufgaben unter Umständen nur noch unzureichend erfüllen. Gerade bei Übergewicht durch zu viel Gras kann die Leber aufgrund der hohen Eiweißzufuhr zu stark belastet sein, was wiederum zu Hautproblemen wie Mauke führen kann.

 

 

Auswirkungen auf die Organe

Neben der Leber sind aber auch andere Organe des Pferdes durch Übergewicht belastet. Einerseits sind viele Organe aufgrund der Überfütterung stärker gefordert (sie müssen das zu große Nährstoffangebot verdauen, verwerten und ausscheiden) und andererseits sind sie durch das Übermaß an Fettzellen belastet. Denn: Fettzellen sitzen nicht nur direkt unter der Haut (wo wir sie als “schwabbelige Polster” erkennen können), sondern verteilen sich im gesamten Körper inklusive den Organen. Es gibt sogar Fettzellen in den Hufen! Auch dort können sie bei hormongesteuerten Prozessen Probleme bereiten.

Und auch das Herz ist von Adipositas betroffen: Einerseits muss es mehr arbeiten, um die vermehrte Körpermasse mit Nährstoffen zu versorgen. Und andererseits kann es im schlimmsten Fall zu Ablagerungen in den Herzgefäßen kommen, was die Leistungsfähigkeit gravierend behindert.

Lagert sich das Fett im Bauchraum – also an den inneren Organen – ab, so spricht man von viszeralem Fett. Und dieses Viszeralfett nimmt natürlich Platz in Anspruch, was wiederum unter anderem die Atmung negativ beeinflussen kann, weil die Lunge weniger Möglichkeit hat, sich auszudehnen. Das begünstigt den Teufelskreislauf der Fettleibigkeit: Für das Pferd ist Bewegung mit den zusätzlichen Kilos ohnehin schon mühsamer und nun bekommt es auch noch schwerer Luft. Eine mögliche Folge: mangelhafte Sauerstoffzufuhr und dadurch schlechtere Versorgung der – ohnehin schon übermäßig belasteten – Organe.

 

 

Erhöhte Kolik-Gefahr

Eine weitere Gefahr des Viszeralfetts ist leider weniger bekannt und damit oftmals unterschätzt: erhöhte Kolik-Gefahr! Diese entsteht dadurch, dass sich Darmschlingen rund um die Fettansammlungen im Bauchraum festlegen können. Es entsteht also eine Kolik durch Darmverschlingung bzw. -verdrehung, welche die Blutversorgung unterbrechen und daher zu absterbenden Gewebeteilen führen können.

Die schlechte Nachricht: die erhöhte Kolik-Gefahr bleibt sogar nach dem Abnehmen erhalten! Denn wenn das Gewebe durch länger bestehende Fettleibigkeit ausgedehnt wurde, bildet sich dieses nach dem Abnehmen oftmals nicht mehr vollständig zurück. Man kennt das auch von ehemals dicken Menschen, die nach massiver Gewichtsreduktion dann schlaffes Gewebe (“leere

Hautsäcke”) haben. Und das Gleiche passiert im Inneren des Pferdes. Die Folge: die Aufhängung der Darmschlingen ist unter Umständen nicht mehr so “straff” und durch die abgebauten Fettdepots ist zusätzlich mehr Platz im Bauchraum. So haben die Darmschlingen mehr Bewegungsspielraum und können sich – insbesondere beim Wälzen – leichter verdrehen und überlagern und die Kolik-Wahrscheinlichkeit durch Darmverschlingung steigt. Ein ähnliches Phänomen wird übrigens auch bei Zuchtstuten berichtet, wobei bei diesen natürlich nicht Fettpolster sondern das Fohlen den Platz im Bauchraum beansprucht und den gleichen Effekt hat.

An diesem Beispiel zeigt sich sehr gut, warum Fettleibigkeit nicht nur eine akute Gesundheitsgefährdung darstellt, sondern leider auch irreversible Folgen haben kann – selbst wenn das Pferd bereits wieder abgenommen hat.

 

 

Auswirkungen auf die Hufe

All diese Effekte machen sich schließlich auch in den Pferdehufen bemerkbar. Einerseits ist der

Abrieb durch die zusätzlichen Kilos mechanisch höher. Andererseits werden durch die verminderte Durchblutung die Strukturen im Huf schlechter mit Nährstoffen versorgt, weshalb die Hufknorpeln verknöchern können (was die Durchblutung weiter verringert) und das Hornwachstum verringert wird. Das heißt: Die Hufe wachsen langsamer und werden aber mehr beansprucht. Probleme mit Fühligkeit, zu dünnen Sohlen, unterentwickelte Strähle und anderen Überlastungserscheinungen sind also vorprogrammiert. Das Wachstum kann zusätzlich durch eine verringerte Lebertätigkeit negativ beeinflusst werden: In der Leber wird Methionin in Cystein umgewandelt, was für das Hornwachstum benötigt wird. Wenn die Leber aber nicht mehr so gut arbeitet, dann kann dieser Prozess vermindert ablaufen und es fehlen schlichtweg wichtige Bausteine für die Produktion von neuem Hufhorn.

Des Weiteren kommt es bei adipösen Pferden nicht selten zu chronischer Hufrehe als Begleiterscheinung. Ursache kann einerseits ein dauerhafter Kohlenhydratüberschuss sein (beispielsweise durch Fruktane im Gras) oder – wie schon im Abschnitt “Stoffwechsel” erwähnt – ein erhöhter Insulinspiegel aufgrund eines anhaltend zu hohen Blutzuckerspiegels. Mit Hufproblemen ist dann der Teufelskreis komplett: Denn wenn die Füße weh tun, ist es nur allzu verständlich, dass sich das Pferd von selbst noch weniger bewegen möchte und das Abnehmen damit noch schwieriger wird.

Um Hufschmerzen zu beseitigen, ist es daher wichtig, eine korrekte Bearbeitung und gegebenenfalls Hufschutz (Hufschuhe oder Klebebeschlag) anzuwenden, damit das Pferd überhaupt schmerzfrei bewegt werden und das “Projekt Gewichtsreduktion” erfolgreich sein kann. Wichtig ist aber auch eine Überprüfung der Nährstoffbilanz, denn ein Pferd kann gleichzeitig zu dick und mangelernährt sein!

 

 

Auswirkungen auf die Psyche

Neben all diesen physischen Effekten wirkt sich Übergewicht aber auch negativ auf die Psyche

des Pferdes aus. Denn das Pferd fühlt sich als Fluchttier nur dann wirklich wohl und sicher, wenn es jederzeit flüchten könnte . Wenn es nun durch Fettleibigkeit stark in seiner Bewegungsfähigkeit eingeschränkt ist, so löst dies bei Pferden Stress aus. Und während kurzzeitiger Stress den Metabolismus sogar ankurbeln kann, wirkt sich andauernder Stress – wie beim Menschen – sehr negativ auf den gesamten Organismus aus. Die körpereigene Stressregulierung kann aus dem Ruder laufen, die Hormonbalance kann fehlgesteuert werden und es kann sogar zu Depressionen kommen. Diese Effekte sind beim Menschen hinreichend bekannt und treffen in gleichem Maße auch auf Tiere zu.

Auch viele Pferde-Professionisten wie Hufbearbeiter und Therapeuten berichten von den “typisch schlecht gelaunten Dickerchen”. Momentan sind diese Berichte noch rein subjektive Einschätzungen, da es dazu keine gesicherten Studien gibt. Das liegt aber unter anderem daran, dass das emotionale Wohlbefinden von Pferden allgemein noch sehr wenig erforscht ist. Als aufmerksamer Pferdebesitzer lohnt es sich aber allemal, diesen Faktor in die Bemühungen für ein glückliches Pferdeleben mit einzubeziehen. Denn klar ist: Spätestens sobald physische Schmerzen durch Fettleibigkeit entstehen, ist auch das psychische Wohlbefinden des Pferdes massiv reduziert. Aber auch Anzeichen, die vielleicht noch nicht als Schmerz einzuordnen sind – wie Juckreiz oder Kurzatmigkeit – können auf die Laune des Pferdes drücken. Nicht selten tendieren solche Pferde zu Verhaltensauffälligkeiten wie “Störrigkeit”, Rempeln oder Schnappen. Übergewichtige Pferde erscheinen oft desinteressiert-apathisch oder unkooperativ-aggressiv, weil sie sich schlichtweg in ihrem eigenen Körper nicht wohl fühlen. Für ein Fluchttier ein fatales Lebensgefühl.

Hinzu kommt, dass andauernder Stress sogar zu noch mehr Übergewicht führen kann. Dazu gibt es verschiedene Theorien aus dem Humanbereich – beispielsweise die Selfish-Brain-Theorie –, welche diesen Effekt zu erklären versuchen. Restlos geklärt ist dieser Zusammenhang zwar noch nicht, aber in vielen Studien zumindest empirisch belegt.

 

 

Vorbeugen ist besser als Abnehmen

Übergewicht beeinträchtigt dein Pferd also in vielerlei Hinsicht. Genau genommen ist der gesamte Organismus sowie das mentale Wohlbefinden deines Pferdes gefährdet. Es ist daher enorm wichtig, dass du den Futterzustand deines Pferdes richtig einschätzen lernst und auf eine etwaige Gewichtszunahme rechtzeitig reagierst. Denn manche negativen Effekte sind unumkehrbar: Degenerative Gelenkerkrankungen und erhöhte Kolikgefahr sind dabei nur plakative Beispiele.

Am besten kontrollierst du daher den Gesamtzustand deines Pferdes regelmäßig, beispielsweise mittels Pferdewaage, Maßband und Fotos. Mit einer guten Dokumentation deckst du Veränderungen schnell auf und kannst beurteilen, ob es sich dabei “nur” um normale jahreszeitliche Schwankungen handelt oder ob dein Pferd auf Übergewicht zusteuert. Falls dein Pferd bereits fettleibig ist, solltest du einen Plan zur Gewichtsreduktion gemeinsam mit deinem Tierarzt und Trainer erarbeiten. Denn: Richtiges Abnehmen ist aufwendig und muss mit Bedacht gemacht werden, um kein gesundheitliches Risiko darzustellen. 

Daher besser gleich auf das Idealgewicht achten, um ein gesundes und glückliches Pferd für viele Jahre zu haben.

 

Dieser Beitrag entstand mit freundlicher Unterstützung von Nathalie Kurz. Mehr zum Thema Pferdehaltung, Pferdegesundheit und gewaltfreies Training finden Sie auf ihrem Blog

Aktualisiert: 22.12.2020
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