Beinbruch beim Pferd – noch immer ein Todesurteil?

Ein gebrochenes Bein bedeutet für Pferde nicht zwangsläufig den Tod. Ein Beinbruch kann, je nach Art der Fraktur, auf verschiedene Weisen behandelt werden.

Pferd mit Gipsverband nach Beinbruch © istockphoto, blanscape

In Zeiten, als das Pferd noch als reines Nutztier für die Feldarbeit gehalten wurde, galt ein Beinbruch als sicheres Todesurteil für ein Pferd. Zum einen fehlten Möglichkeiten der Behandlung, zum anderen hätte sich eine kostspielige Therapie für die Landwirte finanziell nicht gelohnt, selbst wenn sie möglich gewesen wäre. Mittel der Wahl, um ein Pferd von seinem Leiden zu erlösen, war damals nicht das Behandeln des gebrochenen Beines, sondern das Erschießen des Pferdes.

Wertigkeit der Pferde im Wandel

Heute hat sich der Status des Pferdes vom Nutztier hin zum Freizeitbegleiter und Sportpferd gewandelt. Pferde haben sowohl einen persönlichen als auch einen hohen materiellen Wert – vor allem in der Welt des Reitsports und der Zucht. 

Dementsprechend haben sich auch die medizinischen Möglichkeiten weiterentwickelt, sodass ein gebrochenes Bein nicht mehr zwangsläufig das Einschläfern des Pferdes zur Folge hat.

Beinbruch beim Pferd: Ursachen können zahlreich sein

Die häufigste Ursache für ein gebrochenes Bein beim Pferd ist ein Trauma, das heißt eine Krafteinwirkung, die zur Verletzung des Knochens führt. Dies kann zum Beispiel ein Unfall sein, bei dem das Pferd auf hartem Untergrund aufschlägt oder sich an einem Gegenstand verletzt.

Werden Pferde in Gruppen auf der Weide gehalten, besteht die Gefahr für einen Beinbruch durch Tritt eines anderen Pferdes. Aber auch wenn ein Pferd alleine in seiner Box ist und zum Beispiel hektisch aufsteht, kann es sich durch Ausrutschen oder Austreten gegen die Boxenwand einen Bruch zuziehen.

Vorschädigung des Knochens als Ursache

Knochenbrüche (Frakturen) am Pferdebein können außerdem hervorgerufen werden, wenn die Stabilität des Knochens beeinträchtigt wird. Eine Ursache für eine solche Vorschädigung können sowohl Tumore als auch Entzündungen am Knochen sein.

Kommt es dann zur Belastung des betroffenen Beines, ist der Knochen nicht mehr stark genug, um diese Beanspruchung zu kompensieren. Die Folge ist, dass der vorgeschädigte Knochen aufgrund der Belastung bricht.

Extreme oder falsche Belastung als Ursache 

Auch eine häufige extreme Belastung oder sogar Fehlbelastung des Beines kann dazu führen, dass der Knochen anfällig für eine Fraktur wird, weil die Muskeln, Sehnen und Bänder, die das Bein stabilisieren sollen, der Überbeanspruchung nicht gewachsen sind.

Ein so entstandener Bruch nennt sich Stressfraktur und kann häufig bei Pferden beobachtet werden, die an Pferderennen teilnehmen. Besonders betroffen sind hier die Gleichbeine. Auch ein Fesselbeinbruch ist keine Seltenheit bei Rennpferden.

Im Allgemeinen treten außerdem sehr häufig Frakturen an den Griffelbeinen, am Hufbein und an den Röhrbeinen auf, wohingegen eine Kronbeinfraktur bei Pferden eher selten vorkommt.

Symptome eines Beinbruchs beim Pferd

Es gibt einige eindeutige Anzeichen, die auf einen Beinbruch hinweisen. In manchen Fällen ist trotzdem zunächst nicht klar, ob das Bein gebrochen oder verstaucht ist.

Zeigt ein Pferd eine plötzlich auftretende, sehr starke Lahmheit, vielleicht sogar in unmittelbarer Folge eines Unfalls, ist ein gebrochenes Bein sehr wahrscheinlich.

Weitere Anzeichen für ein gebrochenes Bein beim Pferd sind:

  • Schwellung im Bereich des Bruchs und darüber hinaus möglich
  • Wärme im Bereich des Bruchs und darüber hinaus möglich
  • Schmerz bei Druckausübung auf die Bruchstelle und bei Belastung des Beines
  • eine abnorme Beweglichkeit beziehungsweise Winkelung des betroffenen Beines

Bei einem offenen Beinbruch können hervorstehende Knochenteile sichtbar sein.

Bei Fissuren und sogenannten "Chips" (dabei handelt es sich um kleine abgesprengte Knochenfragmente in Gelenken) kann die Symptomatik deutlich abgeschwächt sein und erst langsam und schleichend auftreten, da diese beiden Frakturformen nicht unbedingt mit großen Schmerzen verbunden sind.

Einteilung von Knochenbrüchen

Es gibt zahlreiche unterschiedliche Arten von Frakturen. Ihre Einteilung erfolgt anhand verschiedener Kriterien.

  • Nach Anzahl der Knochenfragmente:
    • einfacher Bruch
    • mehrere Fragmente
    • Trümmerbruch
    • Haarriss (Fissur)
  • Nach Verlauf der Bruchlinie:
    • Querfraktur
    • Längsfraktur
    • Schrägfraktur
    • Spiralfraktur
  • Nach Lokalisation der Knochenstücke:
    • normale Lage
    • verschoben (disloziert)
  • Nach Verletzung der äußeren Hautschicht:
    • offener Beinbruch
    • gedeckter Beinbruch

Gebrochenes Bein beim Pferd – was tun?

Für viele Pferdebesitzer stellt sich die Frage, was zu tun ist, wenn sich das eigene Pferd ein Bein gebrochen hat. Um korrekt handeln zu können, ist es zunächst unabdingbar, dass eine eindeutige und korrekte Diagnose gestellt wird. Dies kann nur ein Tierarzt gewährleisten – dieser sollte deshalb unverzüglich dazu gerufen werden, sobald der Verdacht auf einen Beinbruch besteht.

Außerdem sollte das Pferd bis zum Eintreffen des Tierarztes nicht bewegt werden, auch wenn das bedeutet, dass die Untersuchung auf der Weide oder im Wald stattfinden muss. Liegt wirklich ein Beinbruch vor, so besteht die Gefahr, dass sich die Fragmente verschieben oder ein noch unvollständiger Bruch komplett durchbricht, was die Lage für das Pferd stark verschlechtern würde.

Diagnostik bei einem Beinbruch

Der Tierarzt führt zunächst eine klinische Untersuchung des Pferdebeines durch, die es ihm erlaubt, die oben beschriebenen Symptome zu erkennen. Im Anschluss muss das betroffene Bein in mehreren Ebenen geröntgt werden, um ein vollständiges dreidimensionales Bild der Knochen zu erhalten. 

Die Röntgenuntersuchung ist für das Erkennen einer Fraktur essenziell, da nicht alle Knochenbrüche von außen sichtbar sind. Außerdem haben die Lage der Knochenstücke und der Verlauf der Bruchlinie(n) einen entscheidenden Einfluss auf die weitere Behandlung.

Bein gebrochen? Zwei Arten der Behandlung

Grundsätzlich ist zu sagen, dass ein gebrochenes Bein beim Pferd durchaus behandelt werden kann und nicht automatisch ein Todesurteil darstellt. Allerdings gibt es einige Faktoren, die eine Heilung des gebrochenen Beines beim Pferd komplizierter machen, als dies beim Menschen oder anderen Tierarten der Fall wäre.

Es gibt zwei Arten, wie ein Beinbruch beim Pferd behandelt werden kann:

  • konservativ
  • chirurgisch

Beinbruch beim Pferd konservativ behandeln

Bei der konservativen Behandlung wird am betroffenen Bein ein Stützverband aus Kunststoff oder Gips angelegt und dem Pferd Stallruhe verordnet. Dies ist aber nur möglich, wenn es sich um geschlossene, einfache Frakturen in den unteren Bereichen des Pferdebeines handelt. 

Der Oberarm (Humerus) oder Oberschenkel (Femur) eines Pferdes können nicht geschient werden, da dies aufgrund der anatomischen Gegebenheiten nicht machbar ist.

Beinbruch beim Pferd chirurgisch behandeln

Für die chirurgische Behandlung eines Beinbruchs wird das Pferd in Vollnarkose gelegt und operiert.

Handelt es sich lediglich um einen Chip im Gelenk, kann dieser arthroskopisch entfernt werden. Dabei werden eine kleine Sonde mit Kamera und eine weitere Sonde mit einer Art Greifzange über zwei minimale Öffnungen in das Gelenk eingeführt und der störenden Knochensplitter beseitigt. Diese Methode ist minimalinvasiv, da kaum Gewebe in Mitleidenschaft gezogen wird.

Liegt jedoch ein größerer Bruch vor, muss dieser gerichtet und mit Metallplatten, Schrauben und Nägeln fixiert werden. Diese Implantate dienen dazu, dem Knochen des Pferdes genug Stabilität zu geben, bis der Bruch gänzlich verheilt ist.

Operation eines gebrochenen Beines

Soll das Pferd operiert werden, ist es sehr wichtig, dass der Tierarzt noch vor Ort eine Erstversorgung vornimmt. Dabei muss das Bein stabilisiert werden, damit es beim Transport zum Operationsort nicht zu weiteren Verletzungen kommt.

Die Operation eines gebrochenen Beines sollte nur in Kliniken mit erfahrenen und darauf spezialisierten Chirurgen durchgeführt werden. Durch einige technische Neuerungen haben sich die Erfolgsaussichten für die chirurgische Behandlung eines Beinbruchs beim Pferd zudem deutlich verbessert.

  • Swinglifter: In diesem kranartigen Gebilde werden Pferde nach der Operation "aufgehängt". Ein Teil des Körpergewichtes wird getragen und somit das verletzte Bein entlastet. Trotzdem kann sich das Pferd in seiner Box frei bewegen und sich sogar hinlegen.
  • Aufwachbecken: Hierbei handelt es sich um ein Wasserbecken, in das die Pferde nach der Operation gelegt werden. Wenn sie aus der Narkose erwachen und aufstehen, fängt das Wasser einen großen Teil der Körperlast ab. Das gebrochene Bein wird nur minimal belastet und ein erneutes Durchbrechen verhindert.

Nach der OP: Heilungsdauer und Leistungsfähigkeit

Hat das Pferd die Operation überstanden, folgen Wochen bis Monate der Boxenruhe und anschließend ein langsames und kontrolliertes Bewegungsprogramm. Die Heilungsdauer nach einem Beinbruch ist lang und das Handling des Pferdes kann in dieser Zeit schwierig sein.

Außerdem sollte sich der Besitzer bewusst sein, dass das Pferd nicht unbedingt wieder die gleiche sportliche Leistung bringen wird wie vor dem Bruch. Es gibt durchaus Sportpferde, die nach einer Operation wieder erfolgreich im Sport eingesetzt werden konnten, aber dies ist nicht die Regel.

Komplikationen bei der Behandlung

Die Behandlung eines gebrochenen Beines beim Pferd ist in der Regel nicht unkompliziert, was verschiedene Gründe haben kann.

Das Pferd ist aufgrund seiner Evolution ein Fluchttier. Wird ein Bein durch einen Bruch schwer verletzt, muss das Pferd die Tatsache, dass es seinen Instinkt nicht mehr ausleben kann, emotional verarbeiten. Nicht alle Pferde können das, einige geben sich regelrecht selbst auf. Sie wirken extrem niedergeschlagen, verweigern das Futter und die Wundheilung nimmt keinen guten Verlauf.

Das Dasein als Fluchttier führte außerdem dazu, dass Pferde eine extrem schnelle und kraftvolle Aufstehbewegung entwickelt haben, um auch aus einer liegenden Position jederzeit schnell flüchten zu können. Erfolgt diese Aufstehbewegung nach einer Operation, kann es sein, das die "reparierte" Fraktur erneut durchbricht.

Hinzu kommt, dass die Implantate, die für die Frakturversorgung beim Pferd verwendet werden, zumeist aus der Humanmedizin stammen. Vor allem größere Pferderassen bringen aber leicht ein Körpergewicht von 600 Kilogramm und mehr auf die Waage – einer solchen Belastung sind die Implantate oft nicht gewachsen.

Ein weiteres Problem liegt darin, dass Knochenbrüche beim Pferd insgesamt deutlich langsamer und schlechter heilen als beim Menschen. Pferde sind überdies sehr anfällig für Infektionen, welche zu Komplikationen in der Wundheilung führen.

Für eine erfolgreiche Therapie ist es außerdem sehr wichtig, dass das Pferd ein kooperativer Patient ist. Pferde, die vor dem Tierarzt scheuen und sich nicht von ihm anfassen lassen, können nur sehr schwer intensivmedizinisch betreut werden. Dies ist aber für die erfolgreiche Nachsorge nach einer Operation unerlässlich.

Prognose für das Pferd

Erleidet ein Pferd eine Fraktur, stellt sich automatisch die Frage, ob der Bruch therapiert werden kann oder ob es sich um eine nicht-heilbare (auch "infauste") Prognose handelt.

Dabei kommen mehrere Faktoren zum Tragen:

  • Lokalisation der Fraktur: Wenn tragende Knochen wie die Röhrbeine brechen, ist dies schlechter für die Prognose als zum Beispiel ein Bruch der Griffelbeine.
  • Art der Fraktur: Handelt es sich lediglich um einen feinen Haarriss oder liegt ein Trümmerbruch vor?
  • Offene oder geschlossene Fraktur: Wurde die Haut verletzt, können Krankheitserreger in die Wunde eindringen und zu einer Infektion führen, was die Prognose stark verschlechtert.

Belastungshufrehe als Begleiterscheinung

Abgesehen von der Verletzung selbst können auch kompensatorische Begleiterscheinungen auftreten, die sich negativ auf die Prognose für das betroffene Pferd auswirken. Dazu gehört die Belastungshufrehe. Sie tritt infolge eines Beinbruchs am Vorderbein auf, jedoch nicht am gebrochenen Bein selbst, sondern am gesunden zweiten Vorderbein. 

Das Pferd belastet sein gesundes Bein deutlich stärker als sonst, um das erkrankte Bein zu entlasten. Dadurch kommt es im gesunden Huf zu einer sehr schmerzhaften Hufrehe die im schlimmsten Fall dazu führen kann, dass sich die Hornkapsel ablöst.

Beinbruch beim Fohlen

Auch bei Fohlen kann sich ein Beinbruch ereignen: Ursachen, Symptome und Mittel der Diagnostik sind vergleichbar mit denen bei einem erwachsenen Pferd. Die Behandlung des Beinbruchs gestaltet sich allerdings weniger kompliziert, da Fohlen im Vergleich zu erwachsenen Pferden ein viel geringeres Gewicht haben und ihre Wundheilung zügiger abläuft. Die Prognose für die Heilung eines gebrochenen Beines fällt bei Fohlen somit günstiger als beim adulten Pferd aus.

Beinbruch: Einschläfern als letzter Ausweg

Ist eine Behandlung des Beinbruchs aussichtslos, bleibt nur noch der Weg, das Pferd einzuschläfern. Diese Entscheidung müssen Besitzer und Tierarzt gemeinsam unter Abwägung der medizinischen Durchführbarkeit und der emotionalen Bindung treffen. 

Zudem spielen die finanziellen Möglichkeiten des Besitzers eine Rolle, da das Behandeln eines gebrochenen Beines beim Pferd sehr langwierig und mit enormen Kosten verbunden sein kann.

Aktualisiert: 09.11.2018 – Autor: Pia Fraté

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